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Prime Time in Mainhattan
Bestzeit beim Frankfurt-Marathon am 26.10.2003
 

Frankfurt preist sich zu Recht als der Marathon der kurzen Wege. Allerdings stellt sich für den Erstbesucher dieser Effekt erst nach einer gewissen Orientierungs- phase ein. Das Messegelände gibt sich unübersichtlich. Nur nach einer Stadtteil-Rundfahrt fanden wir das Hotel. Und die ca. 200 Meter vom Hotelausgang bis zur Registrierungshalle konnten wir nur mit mehrfachem Durchfragen zurücklegen. Wie den meisten Männern fällt es mir schwer, nach dem Weg zu fragen. Aber Angelika war mit, also musste ich mich überwinden.

Wenn man sich erstmal auskennt, ist aber alles ganz einfach. Der Knüller ist das Maritim-Hotel, das als Partner des Veranstalters auch einen Läufer-Tarif anbietet (110 € fürs Doppel mit Frühstück). Es liegt direkt bei Start und Ziel. Aus dem Panorama-Fenster im 7. Stock hat man Blick auf die Startvorbereitungen (Fotos). Noch 1 Stunde vor dem Startschuss sitze ich in meinem Zimmer und lege die Beine hoch. Auch die Läuferprominenz wohnt natürlich im Marathon-Hotel. Im Fahrstuhl nötige ich Luminita Zaituc ein Lächeln ab, am Panoramafenster quatsche ich auf die Steffny-Brüder ein, und beim Frühstück sitzt Konny Dobler mit Familie am Nebentisch. Nur seine Frau scheint Mitlaufen zu wollen, er versorgt das Baby.

Startaufstellung. 10 Minuten vor Elf ist mein Startblock Nr. 2 so voll, dass ich über den Zaun klettern muss, um noch hinein zu kommen. Wir stehen so eng, dass man die Hände nicht mehr zum Applaus hochkriegt, als die Asse vorgestellt werden. 1:11 min brauche ich nach dem Startschuss bis zur Linie. Das ist noch im Rahmen, aber dann ärgere ich mich, dass es auf dem ersten Kilometer  nur gebremst losgeht. Umso größer das Erstaunen beim Blick auf die Uhr: Km 1 in 4:48, genau das Tempo, das ich laufen will.

Ein Mitläufer tönt lautstark von seinem persönlichen 3-Länder-Marathon. Gestern Basel, heute Frankfurt, morgen Dublin. Mein Fahrgestell würde das nicht mitmachen.

Das Wetter ist besser als befürchtet. Kalt, windig, aber trocken. Bei Km 1 (gleichzeitig 7, 8, 38 und 41) hat sich Van-Man Jochen aufgebaut. Er tut mir etwas leid, sein fachkundiger Kommentar findet hier nur wenige Zuhörer. Ich selbst vermisse die Zuschauer nicht, sondern bin so konzentriert auf meinen Lauf, dass ich die Alte Oper erst wahrnehme, als wir zum zweiten Mal dran vorbei- kommen. Bei km 11 habe ich ein erstes Problem. Die Lasche im rechten Schuh hat sich nach unten verschoben, die Schnürung drückt auf den Spann. Ich muss anhalten, um das zu korrigieren. Zum Glück tritt es nicht wieder auf. Dabei hat dieser asics 2070 schon 600 Trainings-km hinter sich. Die Schuhe sind auch ok, dies sollte mein erster Marathon ohne blaue Zehennägel werden. Aber das liegt vielleicht mehr daran, dass ich diesmal bis ins Ziel die Haltung bewahre.

Die Verpflegungsstationen sind wirklich vorbildlich aufgebaut und bestückt. Wasser, Tee, Mineralwasser, Energy Drink, Bananen. Ich greife nur ab und zu zum Wasserbecher, denn erstmals laufe ich mit Eigenver- pflegung. In meinem Patronengürtel stecken 4 Fläsch- chen mit insgesamt 0,75 l High 5. Das war ein Tipp von Wittens Rekordläuferin Birgit Schönherr, und er hat sich bestens bewährt. Das Zeug ist nicht so süß, und aus den Flaschen kann man in Ruhe trinken. Ich hatte mir die Trinkphasen vorher eingeprägt (km 8, 17, 26, 34) und halte das ein, obwohl das Zeug zum Schluss nur noch schwer runterzukriegen ist.

Jetzt kommt sogar die Sonne raus. In Kombination mit Rückenwind wird es richtig warm. Das veranlasst manche Mitläufer zu Schamlosigkeiten. Eine adrette Dame hat ihr Sweatshirt um die Hüften gebunden und läuft ungeniert im geblümten BH daher. Nicht, dass mir dieser Anblick unangenehm wäre. Da stört mich schon eher, dass sie mich zügig überholt! Dafür nähere ich mich langsam einem jungen Läufer, der in knapper Unterhose daherkommt. Wo er sein langes Laufkleid gelassen hat, bleibt unklar. Später sehe ich ihn bei Kleiderausgabe wieder, immer noch so entblösst, und ziemlich verfroren. Vermutlich ein Triathlet, die haben ja sowieso nie mehr an.

Mein Puls ist sensationell niedrig. Ich laufe mit ca. 4:45 min/km etwas schneller als geplant, der Puls ist trotzdem unter 130. Warum also Tempo rausnehmen? Die km-Schilder kommen mir förmlich entgegen. Ich konzentriere mich auf die Ideallinie, suche bei Gegenwind Schutz und bei Rückenwind freie Bahn. Im Gegensatz zu allen 6 Marathons, die bisher gelaufen bin, empfinde ich diesen nicht als großes Erlebnis, sondern als nüchtern abgespultes Rennen. Aber das geniesse ich mindestens genauso. 

Die 6km-lange Gerade ab km 32 auf der Mainzer Landstrasse gilt allgemein als quälend. Mit dem Wind im Rücken fand ich diesen zuschauerfreien Abschnitt eher hilfreich. Ich erwische mich jetzt immer wieder dabei, dass ich den Kopf nach hinten hängen lasse. Die Schmerzphase hat begonnen. Mehrfach muss ich mich zur Haltungskorrektur ermahnen: Kopf nach vorn, Schultern locker, Arme seitlich führen. Und schon geht's wieder leichter. Jedenfalls für ein paar Meter.

Ich habe den komplizierten Streckenverlauf nicht genau im Gedächtnis und warte ungeduldig auf den Wendepunkt, als ich die schnelleren Läufer auf der anderen Straßenseite sehe. Da ist es doch ein Schock, als statt einer Wende eine endlose Schleife durch die Innenstadt folgt.

Auf der Startnummer ist mein Vorname aufgedruckt. Besonders auf den letzten 5 km, wo dann stellenweise wirklich viele Zuschauer sind, wird man häufig mit dem Namen angefeuert. In dieser Phase kann ich nur noch schwach mit Handzeichen dafür danken. Meine Überholquote ist inzwischen negativ geworden. Seit km 38 kann ich das Tempo nicht mehr halten und verliere jetzt doch 2-3 Minuten. 

Ein Glücksgefühl ist es, nach der letzten Kurve weit vor sich den riesigen Hammering Man zu sehen, und man weiß genau, da wartet das Ziel. Mit einer spürbaren Endbeschleunigung verschwinde ich in der lärmenden Festhalle und strahle beim Blick auf die Ziel-Uhr. In der Dunkelheit der Halle lasse ich mich gleich zweimal zu einer Becker-Faust hinreissen, zum Glück erst hinter dem Fotografen. Die Bestzeit um knapp 5 Minuten verbessert: 3:24:46 netto.

Die Verpflegung im Ziel ist das reinste Schlaraffenland. Mir geht es aber wie immer: Ich probiere dies und das, aber vor Erschöpfung kriege ich nichts runter. Nur die Cola tut wirklich gut.

Das Fazit zu Frankfurt: Ich war mit dem Vorsatz gekommen, einmal Frankfurt und nie wieder. Schließlich war diese Wahl nur aus Termin-Not geboren. Jetzt kann ich mir schon vorstellen, hier wieder zu laufen. Mir hat es ausgesprochen gut gefallen, in der Konzentration nicht übermäßig gestört zu werden, und das Teilnehmerfeld war gerade so groß, dass man nie allein war und doch nie im Rhythmus gestört wurde. Frankfurt ist das richtige Rennen für Läufer, die nicht das Gefühls-Bad in der Menge suchen, sondern eine schnörkellose, gut organisierte Veranstaltung, die beste Voraussetzungen für eine Bestzeit bietet. Wenn das Wetter mitspielt ... 

Auf dieser website siehe auch:
 
Meine Lauf-Analyse und Trainingsplan
Alle meine Wettkämpfe
Stories

 

Fotos vom Panoramafenster
des Maritim-Hotels:


Die Festhalle:
Samstags Nudelparty,
sonntags Zieleinlauf.


Mainhattan als Kulisse
der Marathon-Strecke


Ruhe vor dem Sturm am Start:
Der Hammering Man geht 
ungerührt seiner Arbeit nach.


Wie auf Wolken,
doch es ist ein roter Teppich:
Zieleinlauf in der Festhalle.
(Foto von Live-Sportphotos)


Die Medaille gab es gegen Aufpreis sogar mit individueller Gravur 
auf der Rückseite.

Links:
 
www.frankfurt-marathon.de
offizielle website
 
www.live-sportphotos.com 
Foto-Dienstleister
 
www.victorycam.de
Zieleinlauf als Digital-Video
 
www.laufreport.de
ausführliche Berichte mit
vielen Fotos
 
www.event-buch.de 
bietet das Buch zum Lauf
 
www.marathon.de
die ultimative Info-Seite

Zeitungsartikel:
 
FAZ
Frankfurter Rundschau


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